Der Synagogenplatz – mitten im Leben unserer Stadt!
Ulrich Herlitz/Hans Wagner - Statt-Blatt Ausgabe November 2008

Der Name „Synagogenplatz“ erinnert an das ehemalige Gotteshaus der jüdischen Gemeinde Grevenbroichs, das sich ursprünglich auf diesem Grundstück befand. Vor den schweren Zerstörungen des Krieges stand dort außerdem die Gaststätte Königs, später Winand Breuer sowie im vorderen Bereich ein Wohnhaus, durch dessen Seitentür die im hinteren Bereich gelegene Synagoge erreichbar war.

Spätestens seit Mitte des 15. Jahrhunderts ist in Grevenbroich eine jüdische Gemeinde nachgewiesen, als 1446 der Herzog von Jülich-Berg Judengeleitbriefe auch für Grevenbroich ausstellte. Und wo zwölf jüdische Gemeindemitglieder, deren Namen aus Geleitbriefen und Listen der Gemeinde zur Heranziehung der Bürger zur Stadtwache namentlich bekannt sind, gab es eine Synagoge – einen Ort der Zusammenkunft, an dem aus der Thora gelesen wurde und der religiöse Mittelpunkt des Gemeindelebens war!

Das Grundstück befand sich ursprünglich im Eigentum der Familie Goldstein, die ihren Stammbaum in Grevenbroich über Generationen zurückverfolgen konnte. Auch der alte jüdische Friedhof, der erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit den Resten der östlichen Stadtumwallung - die Straßennamen Ost- und Südwall erinnern heute noch an diese Stadtbefestigung - abgetragen wurde, existierte schon lange, bevor 1824 der neue, heute noch existierende jüdische Friedhof angelegt wurde.

Mit der preußischen Emanzipationsgesetzgebung wurde die Grevenbroicher jüdische Gemeinde Sitz des 1858 gebildeten Synagogenbezirks Grevenbroich, der neben Grevenbroich die Spezialgemeinden Frimmersdorf-Neurath, Gindorf, Wevelinghoven, Hülchrath und Hemmerden umfasste. Doch Pläne, eine neue prachtvolle Synagoge zu bauen, kamen wohl über ein Planungsstadium nicht hinaus. Die Synagoge befand sich im Hinterhof des Grundstücks zum Südwall hin und ersetzte den ursprünglich wohl als Stallung bzw. Scheune oder Hinterhaus genutzten Gebäudeteil.

Noch in der Zeit des Nationalsozialismus behauptete sich die jüdische Gemeinde, bevor sie selbst im Jahre 1938 und im Zuge des verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannten Pogroms am 9. November desselben Jahres auch das Synagogengebäude unterging. Die Benzinfässer zur Inbrandsetzung der Synagoge standen schon bereit. Doch Nachbarn, die nicht um das Gotteshaus, sondern um ihr Eigentum wegen des engen Fachwerks fürchteten, verhinderten dies. Dennoch wurde die Synagoge geschändet, die Thorarollen und liturgisches Gerät auf die Straße geschmissen sowie die jüdischen Nachbarn heimgesucht, ihre Wohnungen demoliert und sie selbst misshandelt.

Verschont blieb die Synagoge nicht. Die in Auflösung begriffene Gemeinde verkaufte das Grundstück an die Stadt, welche die Baulichkeiten noch fast ein Jahr stehen ließen. Erst im Laufe des Jahres 1939 wurde öffentlich angekündigt, eine Verbindungsstraße zum Südwall herrichten zu wollen. Über ein Jahr erinnerte die Ruine noch an die Schändung in der „Reichskristallnacht“, bevor sie niedergelegt und die angekündigten Straßenarbeiten vorgenommen wurden. Mit Spruchbändern über die Schönheit des neuen Platzes in der Altstadt Grevenbroich verhöhnte man noch die wenigen hier verbliebenen Grevenbroicher Juden, bevor sie – als letztes die Familie Goldstein im Juli des Jahres 1942 – in die Vernichtungsfabriken des Ostens deportiert wurden.

Die Erinnerung an den Standort der ehemaligen Synagoge war durchaus nicht selbstverständlich. Erst 1978, vierzig Jahre nach der „Reichskristallnacht“, wurde eine Gedenkplatte zur Erinnerung an die jüdische Synagogengemeinde angebracht, wobei der Standort der Gedenkplatte in den nachfolgenden Jahrzehnten mehrfach wechselte. In den Achtziger Jahren wurde der Platz dann „Zünfteplatz“ benannt, nachdem ein Kunstwerk, das die Zünfte thematisierte - die „Zünftesäule“ - dort aufgestellt wurde.

Erst in den neunziger Jahren wuchs das Bewusstsein um die historische Dimension des Platzes und man entschied sich, den Standort der „Zünftesäule“ zu verlegen, da die mittelalterlichen Zünfte nur christlichen Handwerkern offen standen und Juden explizit aus diesen Gemeinschaften ausgeschlossen waren. Und es dauerte noch einmal mehrere Jahre, bis der „Zünfteplatz“ dann in „Synagogenplatz“ umbenannt wurde.

Der „Synagogenplatz“ in Grevenbroich ist heute einer der zentralen und schönsten Plätze in der Grevenbroicher Innenstadt.

Im Zuge der Neugestaltung der Innenstadt zur Landesgartenschau 1995 wurde er mit Platanen eingefasst und im Innenbereich mit einem Kopfsteinpflaster versehen.

Zahlreiche Fachgeschäfte haben sich rund um den Platz angesiedelt und die Geschäfte am Südwall ergänzen das Angebot rund um den Synagogenplatz. Der Platz selber wird gerne auch als Fläche für die Gastronomie und als Veranstaltungsplatz genutzt. Während der City-Feste – auch jetzt zum „Moonlightshopping“ – dient er als Platz für Künstler und Aktionsfläche für Sonderveranstaltungen. Und der Synagogenplatz erinnert – insbesondere an Gedenktagen wie dem siebzigsten Jahrestag der „Reichskristallnacht“ - an das einstige blühende jüdische Leben in Grevenbroich ebenso wie an dessen Vernichtung.

Attraktiver Einzelhandelsstandort, lebendiger Platz im städtischen Leben und Ort der Erinnerung - der „Synagogenplatz“ hat seinen Platz mitten im Leben unserer Stadt gefunden.